10. Sep 2018

Sound of kiez

Monika Danner, Gründerin des Berliner Blogs Sound of work, hat Alexander Wodrich zum Audio Branding der Bundesagentur für Arbeit interviewt. Wir lassen es uns natürlich nicht nehmen, den entstandenen Artikel auch in unserem Blog zu teilen. Ein Blick auf Sound of work und die vielen weiteren spannenden Artikel können wir trotzdem wärmstens empfehlen.

Müller, Meier, Schneider – seit Jahren führen sie unangefochten die Liste der häufigsten Familiennamen in Deutschland an. Kombiniert mit den häufigsten Vornamen (google sagt: Ursula/Karin/Helga bzw. Peter/Michael/Thomas) lässt sich vermutlich bei jedem zweiten Deutschen ein Treffer im jeweiligen Bekannten- und Verwandtenkreis herstellen. Namensdopplungen sind nicht selten, die Peter Schneiders, Thomas Müllers und Karin Meiers dieser Welt tragen sie – zumindest die, die ich kenne – mit Gelassenheit.  IT Systeme der Großunternehmen, in denen viele Menschen und manchmal auch solche gleichen Namens arbeiten, erfinden kreative Lösungen für Mailanschriftenvergabe wie Karin.Mueller2 oder auch Karin.Ka.Mueller. Das Wort „Namensvetter“ wiederum lässt an Familie erinnern, es hört sich gemütlich an, so zu heißen wie jemand anderes. Wir fühlen uns irgendwie verbunden. Als ich kurz nach Gründung meines Blogs das „The Sound of Work“-Projekt kennenlernte, hat mich das daher auch vor allem erstmal eins gemacht: neugierig auf die Gedanken anderer zu dem, was Rhythmus und Sound im Arbeitsleben bedeutet.

…und wenn dann Alexander Wodrich den Namen seiner Agentur nennt, ist man ohnehin schnell im Gespräch. Das Thema Sound ist sein Terrain. Die Agentur why do birds, die er vor einigen Jahren gründete, entlehnt ihren Namen einer Liedzeile der Carpenters aus den 70ern, die mit nicht mit „…sing“ (wie ich zunächst innerlich ergänzte) sondern „…suddenly appear“ weitergeht. „Wir mochten die offene Frage sehr. Zum anderen gefällt uns, dass sich jede Vogelart perfekt durch ihr Gefieder von einer anderen abgrenzt. Jede Art hat also ein sehr eigenständiges Corporate Design. Auch der Gesang jeder Vogelart ist einzigartig. Vögel haben gewissermaßen einen Corporate Sound.“ Als Spezialisten für Audiobrandings unterstützt why do birds heute Unternehmen und Institutionen, die mehr brauchen als ein Logo. Dass zu einer modernen Markenarchitektur auch Töne gehören, weiß Deutschland spätestens seit der Vertonung eines magentafarbenen „T“. Länger als 3 Sekunden sollte es nicht sein, so ein Soundlogo, erklärt mir Alex, manche sagen noch etwas altbacken „Jingle“ dazu.

Wir treffen uns, um über ein Projekt zu sprechen, das why do birds 2016 für die Bundesagentur für Arbeit durchgeführt hat. Die BA gab dem Projekt intern tatsächlich die Überschrift „The Sound of Work“ und formulierte als Ausgangsfrage, wie denn Arbeit in Deutschland klinge. Nicht einfach so. Sondern um damit das eigene Image bei den Kunden der Agentur – von SchülerIn bis ältere/r ArbeitnehmerIn – aufzubessern und eine moderne Soundlandschaft in die Dienstleistungen der Agentur einzubetten. Das vertonte Gesicht der Bundesagentur für Arbeit soll gleichzeitig die Kunden zum Vorankommen animieren, ob bei Berufseinstieg, in der Weiterbildung oder bei der Vermittlung neuer Chancen aus der Arbeitslosigkeit heraus. Von Telefoncomputerstimme bis zur Musik hinter den Berufsinfo-Videos, für die man mittlerweile auch nicht mehr ins BIZ gehen muss: Freundlicher wollte man klingen, modern und hilfsbereit, definitiv nicht behördig und schwergängig.

Warum braucht man eigentlich ein Soundlogo, frage ich Alex. „Es geht nicht so sehr nur um das Logo. Wir sind der Meinung, dass Marken sich um ihren auditiven Ausdruck genauso kümmern sollten wie um ihren visuellen. Beim Audio Branding übersetzt man eine Markenpersönlichkeit in Klang und gibt einer Marke so ihre eigene unverwechselbare klangliche Identität. Da wir unsere Umwelt mit allen Sinnen wahrnehmen, versuchen Marken vermehrt, sich über mehrere Sinneskanäle strategisch zu inszenieren.“

Kreativagenturen übersetzen Unternehmensstrategien in kundenfreundliche Sprache. Why do birds übersetzt diese Strategien in Klang.

Neben der Tatsache, dass wir uns beruflich kennen, ist Alexander Wodrich auch Nachbar in meinem Kiez, wie die Berliner, auch die Zugezogenen, das Viertel rund um die eigene Straße nennen. Um sich der Frage der BA zu nähern, ging er spazieren und fragte in der Nachbarschaft, in den Läden, Werkstätten, Cafés und Büros: wie klingt eigentlich Euer Arbeitsalltag? Die Kamera dabei, das Aufnahmegerät in der Tasche. Er selbst beschäftigte sich erstmals damit, so auf die Arbeitswelt anderer zu sehen und zu verstehen, wie stark Arbeit an sich Rhythmus und Taktgeber ist. „Sie gibt den Menschen Struktur und Halt. Wer keine Arbeit hat, hat zum Beispiel auch keinen Urlaub. Arbeit ist etwas Gutes – das vergessen wir häufig.“ Diese Struktur sollte in den Filmausschnitten und Szenen, die er einfing, klanglich erlebbar werden. „Jeder Mensch hat seinen eigenen Arbeitsrhythmus: Der eine fängt früh an, der andere hat Nachtschicht, der eine hat geregelte, strukturierte Arbeitsvorgänge und Arbeitszeiten, der andere wieder freiere. Wir haben das dann mit verschiedenen Rhythmen klanglich übersetzt, die sich zu einem Klanggeflecht vereinen und so den Rhythmus der Arbeit als Ganzes symbolisieren.“

Durch Digitalisierung und das Sortieren von Rhythmen, Höhen und Tiefen der aufgenommenen Impulse, dem Wischen, Klicken, Blättern, Scannen, Schleifen, Tippen, entstand im Ergebnis das, was Marketingexperten einen „moodfilm“ nennen und was die eingefangenen Klänge zu einem Rhythmus verdichtet. Ein Stimmungsbild, das eine Idee der künftigen Arbeit vermittelt, die die Agentur als Partner im Projekt leistet, und die über Powerpoint-Folien hinausgeht. Und in diesem Fall eben ein kleines feines Porträt der Arbeitswelt am Prenzlauer Berg im Jahr 2016. Verwendet werden konnte das Material später nicht öffentlich; moodfilms entstehen in der Regel ohne Abklärung filmischer Rechte, auch bezüglich der gefilmten Menschen. Nur minimale Sequenzen sind in der auf youtube veröffentlichten Fassung zum Projekt enthalten, weiterbearbeitet durch eine weitere Agentur. Dennoch hat sich der Einsatz gelohnt, sagt Alex. „Es entstand auch ein schönes filmisches Dokument unterschiedlicher Lebensentwürfe, das zeigt, mit wieviel Leidenschaft verschiedene Menschen an komplett unterschiedlichen Dingen arbeiten.“ Die Menschen im Kiez, mit denen er sonst nur als Kunde zu tun hatte, lernte er auf die Art und Weise nochmal anders kennen; und nette Gespräche ergaben sich auch über den Film hinaus. Der Clip behält daher einen besonderen Platz im Archiv von why do birds.

Wohlgemerkt: wenn man sich wie why do birds im normalen Agenturgeschäft auf Pitches einlässt, das heißt auf die Ausschreibungen von Werbeetats größerer Unternehmen, ist so ein moodfilm eine – in der Regel auch finanzielle – Eigenleistung. Ein schickes Bewerbungsschreiben sozusagen; verbunden mit einer strategischen Idee, die dem Kunden präsentiert wird. Die Aussicht auf den nächsten Pitch gibt wiederum der Marketingagentur den Takt vor, mit der Abgabe des Konzeptes und der Präsentation beginnt das Warten auf die Zusage. Wie andere Agenturen „pitcht“ auch why do birds regelmäßig; das Risiko einer Absage gehört dabei immer dazu.

Wir reden weiter über die Präsenz vorgedachter sounds, überall dort, wo wir es mit den Produkte von Großorganisationen zu tun haben. Interessant ist, dass es meist weibliche Stimmen sind, die in Hotlines und Warteschleifen unseren Ohren angeboten werden. Mit Alex‘ eigener Namensvetterin, die derzeit als runde Dose die Wohnzimmer erobert, hat sich eine weitere weibliche Stimme ins Soundrepertoire der Haushalte geschlichen. Sie könnte die nächste sein, deren Terrain von Marketingspezialisten bearbeitet wird. Bislang ermöglicht der Hersteller bewusst nicht die Integration fremder Sounds. Aber wer sagt denn, dass wir künftig immer die blau leuchtende unnachgiebige Weichheit von Alexa hören, wenn wir Hotelzimmer, Konzernkarten oder Bahntickets bestellen? Vielleicht möchte man als Unternehmen, das Tickets, Taxireservierungen oder Hotelzimmer verkauft, irgendwann selbst diese Stimme sein, wiedererkannt und: gemocht werden?

Bei einem meiner nächsten Spaziergänge durch den Kiez nehme ich die Geräusche anders wahr und freue mich über die Wiedererkennung von Szenen aus dem Film. Die sounds der Arbeitswelt im Kiez sind für mich die sounds meiner derzeitigen Heimat. Auch wenn gar nicht mehr alle der Protagonisten und von 2016 noch hier arbeiten; zu schnell verändert sich Berlin, auch in unseren wenigen Straßen. Mal sehen, wie es in ein paar weiteren Jahren hier klingt. Ach so, jetzt würdet ihr auch gerne den Film sehen? Äh ja, mmh, siehe oben, Rechte und so: geht leider nicht!! Aber: kommt doch mal vorbei und trinkt hier einen Kaffee und hört’s Euch live an. Sounds good?

Monika Danner